Servus, Moin, Tach auch, Hallo!
Nach fast einem halben Jahr melde ich mich hier im Blog mit einem neuem Beitrag zurück. Leider (oder vielleicht Gott sei Dank) lebt sich das Leben nicht von alleine und deswegen fehlt einem bisweilen die Zeit für solch schöne Dinge wie diesen Blog. Aber nun bin ich ja wieder zurück, von daher: Bitte beruhigen da.
Heute werde ich über das Verhältnis von individualistischem (Gottes-)Glauben und christlichen respektive kirchlichem Glauben schreiben [andere Religionen, allen voran der Islam, sind nochmal ein Thema für sich, es wird sich hier auf den christlichen Glauben beschränkt]. Direkt vorneweg: Ich werde keine Fachliteratur hinzuziehen, d.h. dieser Beitrag hat eher den Charakter eines Essays. Selbstverständlich wurde und wird über diese Thematik auch in theologischen, sozialwissenschaftlichen und/oder religionswissenschaftlichen Beiträgen nachgedacht, wodurch entsprechende Aspekte dort deutlich fundierter präsentiert werden können als hier. Aber das ist schließlich auch nicht der Anspruch eines solchen Blogs, sondern es stehen in diesem Blog meine (persönlichen) Gedanken zur Diskussion und Disposition.
Ich werde meine Gedanken zum Thema durch Thesen darstellen, die ich anreißend erkläre. Zu jedem Gedanken bzw. jeder These kann natürlich noch mehr (fachwissenschaftlich) gesagt werden [wie bereits erwähnt].
1 Der Status quo
Sieht man sich das Glaubensfeld in Europa an (Amerika ist gesondert zu betrachten), so zeigt sich, dass seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die kirchliche Gebundenheit und der Gottesdienstbesuch kontinuierlich abgenommen haben. Daran haben weder das Zweite Vatikanische Konzil (Eine Kirchenversammlung zur "Modernisierung" der katholischen Kirche) noch die Bemühungen der beiden Großkirchen (protestantisch und katholisch) etwas geändert.
Kirche als religiöse Institution wird allgemein kritisch betrachtet, sei es aufgrund von vermeintlichen Verfehlungen in der Geschichte (ältere sowie jüngere), sei es, weil sie als "verstaubt" und "einschränkend" empfunden wird.
Wird der monotheistische Gottesbegriff (Theismus = Glaube an eine Gottheit, die in die Welt und das menschliche Geschehen eingreift) nicht von vornherein abgelehnt, handelt es sich also nicht um einen Atheisten (jemand, der die Existenz einer über geordneten Macht wie Gott ablehnt) oder um einen Agnostiker ("Suchender", jemand, der eine übergeordnete Macht nicht ausschließt, aber auch kein konkretes Gottesbild hat bzw. an keinen konkreten Gott glaubt), zeigt sich in der westlichen Gesellschaft oftmals ein individualistisches Gottesbild, das sich von Individuum zu Individuum stark unterscheidet.
2 DREI Thesen, warum das individualistische Gottesbild eine Form des monotheistischen Gottesbildes ist
(1) Die Möglichkeit von EINEM Gott ist erst durch die "monotheistischen Religionen" geboten worden.
Obgleich sich individualistische Gottesbilder (so meine Beobachtung) von kirchlichen und christlichen Gottesbildern abgrenzen (wollen), nehmen sie in 99% der Fälle die Vorstellung eines Gottes auf. Warum äußern sich moderne individualistische Gottesbilder nicht in polytheistischen (Polytheismus = Glaube an mehrere Götter) Gottesbildern?
Meine These: Weil sich auch individualistische Gottesbilder an dem jüdisch-christlichen Gottesbild eines Gottes orientieren und diesen Gedanken anders übersetzen. Ohne die Kenntnis (und sei es nur eine oberflächliche Kenntnis) eines monotheistischen Gottesbildes könnten die Gottesbilder genauso gut polytheistisch sein.
(2) Die Ethik dieser individualistischen Gottesbilder ist eine fortgeführte Ethik der jüdisch-christlichen Ethik.
Denkt man an die Kirche, so kommt vielen Menschen eine vermeintliche Doppelmoral in den Kopf. Auf der einen Seite wird Nächstenliebe, Armut, Enthaltsamkeit und eine klare Sexualmoral aufgezeigt, auf der anderen Seite gibt es Prunk, Ausschweifungen, uneheliche Kinder und nicht zuletzt den sexuellen Missbrauch.
Was will mir diese Institution moralisch denn dann noch sagen? Da kümmere ich mich lieber selbst um meine moralischen Werte und lasse mir "nichts vorschreiben". Es reichten doch bestimmte "Grundregeln", alles andere sei dem Individuum freizulassen.
Diese Gedanken sind absolut nachvollziehbar und ihnen ist vielleicht auch teilweise zuzustimmen.
Aber das, was man als "eigene Moral" bezeichnet, ist nichts, was aus dem Menschen gänzlich selbst heraus kommt, sondern der Mensch ist moralisch auch ein Produkt seiner Erziehung, Umwelt, Medien, usw.
Die "Grundregeln" fußen zu einem großen Teil auch auf dem jüdisch-christlichen Erbe, was die Würde des Menschen angeht, der individuellen Beurteilung (durch Gott), moralischen Grundregeln in Beziehungen (seien sie freundschaftlich, familiär oder partnerschaftlich bzw. wenn sie eine körperliche Komponente haben).
Meine These: Wir haben es mit einer fortgeführten und individualistisch "übersetzten" jüdisch-christlichen Ethik zu tun, die aber ihren "Stamm" (nämlich eben der jüdisch-christlichen Ethik) abstoßen will, ohne den sie eigentlich in dieser Form nicht existieren würde.
(3) Das individualistische Gottesbild ist auf das jüdisch-christliche Gottesbild zurückzuführen; dies zeigt sich auch und vor allem in der Religiosität, d.h. im praktischen Ausüben des Glaubens.
Viele der Menschen, die einen individualistischen Gottesglauben haben, beten, so denke ich, nicht anders als Juden, Christen oder Muslime insofern, als dass sie einen Gott persönlich ansprechen.
"Lieber Gott, mach doch bitte..." oder "Gott, ich danke dir für..."
Die Vorstellung eines Gottes, den man persönlich ansprechen kann, und mit dem man eine Beziehung herstellen kann, kommt klar aus dem jüdisch-christlichen Gottesbild, da der christliche Gott zuerst in der Geschichte des Volkes Israel und dann in Jesus von Nazareth mit den Menschen in direkte Kommunikation, in eine direkte Beziehung, gegangen ist.
Weiterhin ist die Vorstellung, dass man "gut zu den Menschen sein sollte, um Gott zu gefallen" ebenfalls auf das jüdisch-christliche Gottesbild zurückzuführen. Das Gebot der Nächstenliebe, das "Erkennungsmerkmal" überhaupt für den christlichen Glauben, ist bereits im Alten Testament zu finden und natürlich bei Jesus selbst. Pointiert wird dies bei dem Ausspruch von Jesus "Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Matthäus Evangelium, Kapitel 25, Vers 40).
Dies deckt sich dann perfekt mit der Überzeugung, nicht mehr "einem Papst oder einem Bischof gefallen zu müssen" (was de facto ja auch nicht Voraussetzung für den (katholisch-)christlichen Glauben ist).
Meine These: Selbst wenn man nicht explizit an den monotheistischen Gott glaubt, greift der praktizierte (individualistische) Glaube auf die Grundlagen von zweijahrtausend Jahren jüdisch-christlicher religiöser Praxis zurück.
3 ZWEI Thesen, warum der vermeintlich unabhängige individualistische Gottesglaube nicht alles "besser" macht als der kirchliche jüdisch-christliche Glaube
(1) Individualistisch bedeutet auch, dass die letzte Instanz das eigene Gewissen und eigene Ansichten sind, was u.U. problematisch werden könnte.
Ich versuche, diese These mit einem Beispiel zu untermauern:
Ein Mensch vertritt einen solchen individualistischen Gottesglauben. Er hält sich an gängige Gesetze und grundsätzliche moralische Vorstellungen. Gleichzeitig hat er mehrere wechselnde Partner/innen. Er begeht kein Verbrechen im juristischen Sinne, vielleicht kann er es moralisch vor sich selbst rechtfertigen und letztlich beachtet er doch die "Grundregeln".
Diese Sicht, die eigentlich ein freiheitliches Leben suggerieren soll, ist aber stark begrenzt. Vielleicht entwickelt eine/r der Partner/innen, mit denen er nur kurz zusammen ist, stärkere Gefühle für diesen Menschen, die er nicht erwidern kann, aber gleichzeitig fahrlässig in Kauf nimmt.
Und genau hier würde meine Kritik ansetzen: Im Zweifelsfall ist man selbst die letzte Instanz für einzelne Fragen des Lebens, was im Sinne der kantschen Verunftkritik ja auch absolut berechtigt und auch ratsam ist, allerdings überträgt man seine individualistische Sicht auf andere und hat in den Einzelfragen keine Sensibilität dafür, dass man das Verhältnis zu Gesellschaft, Mensch und Gott nur aus dem eigenen Horizont heraus bestimmt.
Meine These: Ein individualistischer Glaube muss nicht dazu führen, was ich gerade beschrieben habe. Aber die "Gefahr" ist größer.
(2) Der individualistische Gottesglaube ist anfälliger für eine "projiziertes" Gottesbild, wie es Feuerbach kritisiert hat.
An dieser Stelle sei auf meinen Beitrag in diesem Blog zu Ludwig Feuerbachs "Das Wesen des Christentum" und Ludwig Feuerbachs "Projektionshypothese" verwiesen.
Kurz zur Erinnerung: Ludwig Feuerbach hat gesagt, dass der (jüdisch-christliche) Gott ein vom Menschen "erfundenes" Wesen sei, auf den die entsprechenden (und gewünschten) Eigenschaften des und durch den Menschen projiiziert werden.
Nimmt man sich nun noch einmal das individualistische Gottesbild vor, dann sehe ich dieses Gottesbild anfällig für eine solche Projektion. Wenn jemand sagt, dass "sein" Gott für ihn so oder so sei, dann reduziert er Gott nicht nur, sondern er wird (wahrscheinlich unterbewusst und wahrscheinlich werden diese Menschen das auch nicht zugeben (wollen)) eigene Erfahrungen, Sichtweisen, biographische Aspekte in das Gottesbild aufnehmen. Das Gottesbild eines Menschen aus der reichen Oberschicht, der in einer Villa mit viel Luxus aufgewachsen ist, wird sich dann höchstwahrscheinlich massiv von dem Bild eines Menschen, der in bitterer Armut aufgewachsen ist und nie eine Chance auf ein besseres (ökonomisches) Leben hatte, unterscheiden. Genauso massiv könnte sich das Gottesbild eines glücklichen Familienvaters, der glücklich verheiratet ist und zwei gesunde Kinder hat, von dem Gottesbild eines Vaters, der geschieden ist und ein Kind durch einen Autounfall verloren hat und dessen zweites Kind behindert ist, unterscheiden.
Es kommen solch unterschiedliche Gottesbilder zusammen, dass es überhaupt keinen Konsens mehr gäbe. Und dann gehe ich soweit, dass diese Menschen eigentlich gar nicht mehr an einen Gott, sondern an mehrere Götter glauben.
Oder dass sie eben nur einen projizierten Gott im Kopf haben, der aber nur ein "Puzzle" ihres Lebens wäre.
4 ZWEI Thesen, warum ich mich für den christlichen Gott statt eines im "luftleeren" Raum stehenden individualistischen Gott entscheide.
An dieser Stelle möchte ich nochmals betonen, dass ich damit dem hier erläuterten individualistischem Glauben nicht das "Existenzrecht" abspreche oder als weniger wert als meinen Glauben darstellen möchte; so etwas liegt mir fern. Ich möchte nur auf die (vermeintlichen) Wurzeln dieser Glaubensvorstellungen hinweisen und die (vermeintlichen) Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausstellen sowie mögliche kritische Gedanken.
(1) Ich möchte eine Beziehung zu dem jüdisch-christlichem Gott, weil ich damit einen konkreten Gott vor mir habe.
Wenn ich bete, dann bringe ich selbstverständlich wie jeder andere gläubige Mensch persönliche Anliegen vor Gott. Ich bete für andere Dinge als andere Christen und ich beklage unter Umständen andere Dinge als andere Christen. Dennoch bete ich auch bestimmte Gebete wie das "Vater unser" oder bestimmte Psalmen immer wieder, weil ich einen konkreten Gott anspreche, nämlich den christlichen Gott. Und zu diesem Gott gehört ein entscheidender Aspekt, der bei individualistischen Glaubens- und Gottesvorstellungen fehlt bzw. nicht diese entscheidende Komponente hat: Offenbarung.
Der christliche Gott hat sich in Jesus Christus offenbart, um es dogmatisch auszudrücken, und von dieser Offenbarung zeugt das Neue Testament. Gott zeigt sich dort mit bestimmten Eigenschaften, drückt sich in einer bestimmten Art und Weise aus und zeigt einen grundlegenden Weg auf.
Deshalb gibt es bestimmte Formen und Formeln, mit denen ich einen Zugang zu Gott finden kann, genauso, wie es bestimmte Formen und Formeln gibt, mit denen ich Zugang finden kann zu meinem Chef, die sich wiederrum von den Formen und Formeln unterscheiden, wie ich Zugang zu meinen Eltern finden kann, usw.
Jedes Mal mache ich mir damit klar, dass ich sozusagen ein- und denselben Gott anspreche, der sich aber in meinem bzw. in unserem Leben auf vielfältige Weisen zeigt bzw. zeigen kann.
(2) Ich bin mir meiner Begrenztheit bewusst und dass Gott vielleicht im Detail anders ist als ich ihn anspreche oder mir vorstelle, dennoch habe ich immer den Gott, nämlich den jüdisch-christlichen Gott vor Augen.
Dieser Aspekt schließt an den ersten Punkt an. Ich habe einen konkreten Gott vor Augen und dennoch ist mir bewusst, dass er vielleicht gar nicht so konkret im Leben (in meinem Leben) ist, wie ich mir das wünsche, erhoffe, etc. Würde ich daher nur meine eigenen Vorstellungen und meinen eigenen "Filter" einsetzen, um mein Gottesbild entstehen zu lassen, dann würde ich Gott (dem ja auch individualistische Gläubige i.d.R. Eigenschaften wie Unendlicheit, Allmacht oder Allwissen zusprechen) reduzieren und eingrenzen.
Die Grundvorstellungen des konkreten jüdisch-christlichen Gottesbildes "schützten" mich somit von dieser Einengung, da sie ernst nehmen, dass Gott für alle Gott ist und mit allen Menschen eine Beziehung hat.
Mittwoch, 10. Mai 2017
Mittwoch, 4. Januar 2017
Samuel P. Huntington - Kampf der Kulturen

Huntington, P. Samuel: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 2002. (Bild: amazon.de)
Einen wunderschönen guten Tag zusammen,
es ist wieder mal soweit: Es gibt einen neuen Eintrag in diesem Blog und dieses Mal wage ich mich an ein Werk heran, das kurz vor dem "Milenium", also dem Übergang zum dritten Jahrtausend nach Christus (um das Jahr 2000 herum), eine Riesenwirkung gehabt hatte:
"Kampf der Kulturen" von Samuel P. Huntington
Es handelt sich hierbei um eine grundsätzlich politikwissenschaftliche Analyse, die, wie viele andere große Werke, weitere Bereiche in sich vereint, darunter Geschichte, Religion (Theologie), Ökonomie.
Ich habe mir dieses bereits in der Erstfassung 1993 erschienende Werk ausgesucht, weil die Welt durch die Bedrohung des Terrorismus, Flüchtlingskrise, Krise der EU, neu herauskristallisierender Konflikt zwischen Amerika und Russland, usw. wieder (scheinbar) mit neuen zentralen weltpolitischen Konflikten konfrontiert wird, die Auswirkungen bis hin zum "einfachen Bürger" haben.
In diesem Kontext wird von verschiedenen Seiten und in verschiedenen Zusammenhängen (auch und gerade in populistischen Aussagen) ein großer "Kampf" proklamiert.
Allerdings denke ich, dass es im Rahmen dieses Blogs auch nicht ratsam wäre, das ganze Buch detailliert zu besprechen, sondern Huntington spricht am Anfang des Buches von fünf Teilen, die das Gerüst des Buches bilden. Auf genau diese fünf Teile möchte ich eingehen und sie ein wenig analysieren.
1 Zum Autor
2 Kurze Geschichte und Einordnung des Werkes
3 Fünf Hauptteile desWerkes
4 Persönliche Einschätzung
1 Zum Autor
Der bereits verstorbene Samuel P. Huntington 2004 (Bild: de.wikipedia.org)
Samuel Phillips Huntington (1927-2008) war amerikanischer Politikwissenschaftler und Autor, der unter anderem auch als Berater für das US-Außenministerium zuständig war.
Zu Anfang seiner Universitäts- und Beraterkarriere fokussierte Huntington sich vor allem auf militärpolitische Themen. Diese Verknüpfung von universitärer Lehrtätigkeit und Beratertätigkeit prägte ihn einen Großteil seines (beruflichen) Lebens.
Huntington hat meistens, anders als andere Sozial- und Politikwissenschaftler, auf hohen Metaebenen gedacht und hatte oft den Markokontext in Bezug auf Politik, Kultur(en) und Geschichte im Blick.
So auch bei The clash of Civilisations, auf deutsch "Kampf der Kulturen".
2 Kurze Geschichte und Einordnung des Werkes
Bereits 1993 erschien in einer amerikanischen Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik ein Aufsatz mit dem Titel der 1996 erschienden Monographie.
Der Aufsatz wurde unter dem noch frischen Eindruck des Zusammenbruchs der Sowjetunion und seiner Folgen, zu denen unter anderem der Zerfall der "zwei weltpolitischen Machtblöcke", nämlich die kommunistische und die kapitalistische Welt präsentiert durch die USA und die UdSSR, verfasst.
Zu dieser Zeit kursierte in den Gesellschaftswissenschaften (Geschichts-, Politik-, Sozialwissenschaft u.a.) die Vorstellung, dass der Zusammenbruch einer Welt, die in zwei klare Blöcke geteilt ist, zu so etwas wie einer "Universalkultur"führen werde.
Dagegen wendet sich Huntington und vertritt die These, dass durch den Wegfall des "großen" Konflikts zwischen den USA und der Sowjetunion keine neuen Konflikte entstünden, sondern die übergeordneten Zivilisationen der Welt auch auf die weltpolitische Bühne "vortreten" könnten und dort in verschiedenen Begegnungen, Auseinandersetzungen, Konflikten, usw. die Weltpolitik und deren Ausrichtung entscheidend bestimmten.
Ein besonderes Augenmerk legt er auf den Konflikt zwischen der muslimischen Zivilisation und der nicht-muslimischen Zivilisation, namentlich der westlichen Zivilisation.
3 Fünf Hauptteile des Werkes (alle S.19-20)
Teil Eins. Zum erstenmal in der Geschichte ist globale Politik sowohl multipolar als auch multikulturell; Verwestlichung ist etwas anderes als Modernisierung; und wirtschaftliche und soziale Modernisierung erzeugt weder eine universale Kultur irgendeiner Art noch die Verwestlichung nichtwestlicher Gesellschaften.
In späteren Ausführungen erläutert Huntington pointiert, was damit gemeint ist: Nur weil nichtwestliche Gesellschaften technologische Errungenschaften und Modernisierungen übernehmen und ihre Lebenswelt integrieren, bedeutet dies nicht, dass sie auch die Werte aus dieser Gesellschaft übernehmen. Oftmals findet genau hier eine klare Trennlinie statt. Es werde davon ausgegangen, dass die technologischen Errungenschaften zwar zum Fortschritt der eigenen Kultur beitrügen, aber die Werte aus der westlichen Zivilisation abzulehnen seien, da mit ihnen bspw. Verrohung, Zügellosigkeit, Enthemmung der Werte u.v.m. einhergehe.
Die Globalisierung, die in den 1990er Jahren bedeutend vorangeschritten sei, bewege sich somit weitestgehend auf einer ökonomischen und technischen Ebene, nicht aber auf einer kulturellen und philosophischen Ebene und wenn sie es auf der letzteren Ebene tue, dann führe sie zu Ablehnung.
Teil Zwei. Das Machtgleichgewicht zwischen den Kulturkreisen verschiebt sich: Der Westen verliert an relativem Einfluß; asiatische Kulturen verstärken ihre wirtschaftliche, militärische und politische Macht; der Islam erlebt eine Bevölkerungsexplosion mit destabilisierenden Folgen für muslimische Länder und ihre Nachbarn; und nichtwestliche Kulturen bekräftigen selbstbewußt den Wert ihrer eigenen Grundsätze.
Wenn Huntington davon ausgeht, dass der Westen an relativem Einfluß verliere, geht er davon aus, dass dieser vorher einen großen objektiven Einfluß gehabt habe. Dies rührt für vor allem aus der Prämisse, dass der Westen von den beiden einstigen zwei großen Mächten, namentlich Westen und (kommunistischer) Ostblock, nach den Geschehnissen Anfang der 1990er Jahre einzig übrig geblieben ist und in die Rolle des "Gegenspielers" schlüpfen nun die asiatische und die muslimische Kultur. Obgleich Huntington zu Anfang des Buches nämlich von bis zu acht großen Zivilisationen spricht, fokussiert er sich doch recht stark auf drei Zivilisationen: Die westliche, die asiatische und die islamische.
Haben diese sich im Kontext des Kalten Krieges noch teilweise Amerika als Vorreiter des Westens verbunden gefühlt entgegen der kommunistischen UdSSR, betonen sie nach deren Wegfall ihre eigene Stärke, auch und besonders vor den USA.
Teil Drei. Eine auf kulturellen Werten basierende Weltordnung ist im Entstehen begriffen: Gesellschaften, die durch kulturelle Affinitäten verbunden sind, kooperieren miteinander. Bemühungen, eine Gesellschaft von einem Kulturkreis in einen anderen zu verschieben, sind erfolglos; und Länder gruppieren sich um die Führungs- oder Kernstaaten ihrer Kultur.
Dieser Teil seiner Ausführungen ist einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Huntington und seinen Thesen und den Ausführungen anderer Sozial- und Politikwissenschaftler, Historiker, usw. Während oftmals ein Nebeneinander von essentiellen Aspekten wie Geschichte, Wirtschaft, Kultur, Religion, usw. betont wird, betont Huntington klar die übergerodnete Stellung von Kultur über andere Aspekte.
Daher geht er auch davon aus, dass sich wesentliche Kulturen nicht einfach so "vermischen", sondern dass sie in ihrer Grundordnung so bestehen bleiben und sich innerhalb von ihnen so etwas wie eine "Hierarchie" bildet.
Teil Vier. Seine universalistischen Ansprüche bringen den Westen zunehmend in Konflikt mit anderen Kulturkreisen, am gravierendsten mit dem Islam und China. Auf lokaler Ebene bewirken Bruchlinienkriege (im wesentlichen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen) den "Schulterschluß verwandter Länder", die Gefahr einer breiteren Eskalation und damit Bemühungen von Kernstaaten um Eindämmung und Unterbindung dieser Kriege.
Der erste Satz erklärt sich, denke ich, von selbst.
Während die chinesische Kultur unter sich ist, da ihr Kernstaat gleichzeitig die Kultur "stellt", und Chinesen im Ausland meist lediglich wirtschaftliche Aufgaben erfüllen, gibt es viele Staaten, sowohl in der westlichen Welt, als auch in der islamischen, in der ein wesentlicher Prozentsatz von Muslimen mit Nichtmuslimen zusammenlebt. Dort wird der universalistische Konflikt zwischen dem Westen und dem islamischen Kulturkreis auf lokaler Ebene fortgeführt. Dies wiederum kann zu einer Ausweitung bzw. Einmischung auf die bzw. der universalistischen "Großmächte" führen.
Teil Fünf. Das Überleben des Westens hängt davon ab, daß die Amerikaner ihre westliche Identität bekräftigen und die Westler sich damit abfinden, daß ihre Kultur einzigartig, aber nicht universal ist, und sich einigen, um diese Kultur zu erneuern und vor der Herausforderung durch nichtwestliche Gesellschaften zu schützen. Ein weltweiter Kampf der Kulturen kann nur vermieden werden, wenn die Mächtigen dieser Welt eine globale Politk akzeptieren und aufrechterhalten, die unterschiedliche kulturelle Wertvorstellungen berücksichtigt.
Huntington sieht eine wesentliche Rolle innerhalb der westlichen Zivilisation bei den USA.
Er spricht in diesem Kontext eben auch als amerikanischer Regierungsberater, der den großen Einfluss der USA auf andere westliche Staaten hautnah miterlebt hat.
Daher schreibt er den USA weiterhin eine führende Rolle innerhalb des Westens zu, betont aber gleichzeitig, dass der Westen mit den USA vorsichtig sein muss, ihre Kultur als universal zu betrachten. Vielmehr muss eine innere Veränderung bzw. Erneuerung vollzogen werden.
Er drückt sich schließlich für eine globale Politik aus, die aber eben nicht das (für ihn wahrscheinlich utopische) Ziel einer "Universalkultur" anvisiert, sondern die unterschiedlichen kulturen Wertvorstellungen in den Blickpunkt nimmt.
4 Persönliche Einschätzung
Auch beim letzten Punkt meiner Analyse werde ich mich an den fünf Hauptteilen bzw. sogar Hauptthesen Huntingtons (denn wer das Buch im Ganzen liest, wird merken, dass diese fünf Thesen als Prämissen für fast jede Ausführung dienen) orientieren.
Teil Eins. Zum erstenmal in der Geschichte ist globale Politik sowohl multipolar als auch multikulturell; Verwestlichung ist etwas anderes als Modernisierung; und wirtschaftliche und soziale Modernisierung erzeugt weder eine universale Kultur irgendeiner Art noch die Verwestlichung nichtwestlicher Gesellschaften.
Globale Politik war immer multipolar und multikulturell. Und unterschiedliche kulturelle Vorstellungen wurden immer hinter ökonomische und soziale Interessen zurückgedrängt. Von der Antike (ein Beispiel hierfür ist die Jahrhunderte lang - mal mehr, mal weniger - erfolgreiche Besatzung des römischen Reiches in besetzten Gebieten) über das Mittelalter bis hin zur Neuzeit.
Eine besondere Ausnahme stellt die Zeit des Kalten Krieges, in der sich globale Politik bipolar ausgedrückt hat. Und ich denke, von genau dieser Zeit ist Huntington in seinem ersten Satz maßgeblich beeinflusst.
Bei dem, was er danach schreibt, gebe ich ihm Recht. Wirtschaftliche und soziale Aspekte werden immer kurz- und mittelfristig schwache oder starke Auswirkungen haben können, aber sie werden nicht den Kern einer Kultur entscheidend ändern können.
Teil Zwei. Das Machtgleichgewicht zwischen den Kulturkreisen verschiebt sich: Der Westen verliert an relativem Einfluß; asiatische Kulturen verstärken ihre wirtschaftliche, militärische und politische Macht; der Islam erlebt eine Bevölkerungsexplosion mit destabilisierenden Folgen für muslimische Länder und ihre Nachbarn; und nichtwestliche Kulturen bekräftigen selbstbewußt den Wert ihrer eigenen Grundsätze.
Dass der Westen nach dem Kalten Krieg an relativem Einfluss verlieren werde, ergibt sich aus der besonderen Stellung mit zwei Hauptmächten im Kalten Krieg, die ab den 1990er Jahren wieder abgenommen hat. Dennoch hat der Westen bis ins Jahr 2017 in fast jedem größeren (und auch teilweise kleinerem) Krieg mitgemischt. Große Angriffe wurden vor allem auf den Westen bzw. westliche Staaten vorgenommen, daher bleibt der absolute Einfluss bestehen.
Der wirtschaftliche Aufschwung der asiatischen Staaten ist erfolgt. Gerade China hat spätestens Anfang der 2010er Jahre enorme wirtschaftliche Duftmarken gesetzt und so sein Wort in der Weltpolitik enorm aufgeputscht.
In Ländern, die eine muslimische oder mehrheitlich muslimische Bevölkerung haben, sehen wir seit Jahrzehnten ein starkes Bevölkerungswachstum; das ist richtig.
Allerdings gab es die destablisierenden Ereignisse und Entwicklungen vor allem dort, wo der Westen direkt oder indirekt eingegriffen hat (Afghanistan, Irak, Syrien,) oder in denen gravierende innenpolitische Veränderungen stattgefunden haben (Maghreb-Staaten wie Tunesien, Marokko, Ägypten).
Ich glaube, gerade den arabischen Frühling seit 2011 in den Maghreb-Staaten hätte Huntington nie erwartet, weil er zu sehr die Metaebene im Blick hatte. Schließlich war der Auslöser (der Auslöser, nicht die Ursache!) ein tunesischer Gemüsehändler, der sich aus Protest angezündet hatte.
Wo ich ihm aber wiederrum Recht gebe, ist bei seiner These, dass nichtwestliche Kulturen selbstbewusst den Wert ihrer eigenen Grundsätze bekräftigen.
Hier erachte ich die Frage nach dem Warum aber für essentiell wichtig. Oftmals geschah und geschieht dies nämlich auch aus Protest gegen die Intervenierung westlicher Staaten, allen voran die USA, die Unterstützung diktatorischer Despoten und ihrer Regime und die damiteinhergehenden Versuche der (wirtschaftlichen) Bevormundung. Immer wieder hat man in der Geschichte bei solchen Entwicklungen die Rückbesinnung auf "alte" und zusammenhaltende Werte erlebt, in Westeuropa findet zurzeit eine ähnliche Entwicklung statt, durch die rechtspolitische Parteien, Politiker und Bewegungen regen Zulauf erhalten.
Teil Drei. Eine auf kulturellen Werten basierende Weltordnung ist im Entstehen begriffen: Gesellschaften, die durch kulturelle Affinitäten verbunden sind, kooperieren miteinander. Bemühungen, eine Gesellschaft von einem Kulturkreis in einen anderen zu verschieben, sind erfolglos; und Länder gruppieren sich um die Führungs- oder Kernstaaten ihrer Kultur.
Zurzeit muss man Huntington bei dieser These zustimmen. Wenn es in Fragen der Flüchtlingszuströme nach Europa um die Integration und der Frage nach deren Gelingen geht, fällt immer wieder der Begriff des "jüdisch-christlichen Abendlandes". Es zeigt sich also, dass viele Menschen, Parteien, Institutionen, usw. die Frage nach dem Gelingen des Zusammenlebens von Menschen aus dem Nahen Osten und Europa nach der Frage der Vereinbarkeit von Menschen aus zwei unterschiedlichen Kulturkreisen beurteilen.
Allerdings findet die Kooperation der Staaten aus denselben Kulturkreisen nicht so automatisch statt wie sich das Huntington (zu einfach) vorgestellt hatte. Dies zeigt sich an der Zerrisenheit der EU in verschiedenen Fragen, der unterschiedlichen Haltung zum Westen bei muslimischen Staaten und den Spannungen von ostasiatischen Staaten.
Ich stimme dem zu, dass "Bemühungen, eine Gesellschaft von einem Kulturkreis in einen anderen zu verschieben", erfolglos bleiben. Allerdings kann das meiner Meinung auch gar nicht geschehen. Eine Gesellschaft manifestiert, bewegt und entwickelt sich nämlich immer durch ihre Protagonisten an dem Ort, an dem sie handeln.
Auch die Frage nach Führungs- oder Kernstaaten stellt sich im forgeschrittenen 21. Jahrhundert nicht mehr, zumindest nicht in Bezug auf eine bestimmte Kultur, höchstens noch in Bezug auf die Wirtschaft.
Teil Vier. Seine universalistischen Ansprüche bringen den Westen zunehmend in Konflikt mit anderen Kulturkreisen, am gravierendsten mit dem Islam und China. Auf lokaler Ebene bewirken Bruchlinienkriege (im wesentlichen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen) den "Schulterschluß verwandter Länder", die Gefahr einer breiteren Eskalation und damit Bemühungen von Kernstaaten um Eindämmung und Unterbindung dieser Kriege.
Dieser These stimme ich teilweise zu. Die universalistischen Ansprüche des Westens wurden in der Vergangenheit vor allem und fast ausschließlich durch die USA ausgedrückt. Ihre Interventionen hatten gravierende Entwicklungen im Nahen Osten zur Folge.
Der Konflikt mit China bleibt, wenn überhaupt, nur auf wirtschaftlicher Ebene, und dies auch nur teilweise. Wie sich dies unter dem neuen US-Präsidenten Donald Trump, der wirtschaftlich auf Konfrontationskurs mit China zu gehen scheint, ändern wird, bleibt abzuwarten.
Auch auf lokaler Ebene gab es Bruchlinienkriege fast ausschließlich im Nahen Osten, der nahezu komplett muslimisch geprägt ist. Hier gab es für den selbsternannten "Islamischen Staat" (IS) Unterstützung aus Saudi-Arabien und (zu Anfang) aus der Türkei. Allerdings kam Unterstützung für nichtmuslimische Gruppierungen, die bedroht waren und sind, durch den Westen nicht aus "kultureller Überzeugung", sondern um die Situation in wichtigen Regionen, in Bezug auf die Friedens- und Wirtschaftspolitik, zu entspannen und die eigene Sicherheit durch Terroranschläge zu verhindern oder zu minimieren.
Teil Fünf. Das Überleben des Westens hängt davon ab, daß die Amerikaner ihre westliche Identität bekräftigen und die Westler sich damit abfinden, daß ihre Kultur einzigartig, aber nicht universal ist, und sich einigen, um diese Kultur zu erneuern und vor der Herausforderung durch nichtwestliche Gesellschaften zu schützen. Ein weltweiter Kampf der Kulturen kann nur vermieden werden, wenn die Mächtigen dieser Welt eine globale Politk akzeptieren und aufrechterhalten, die unterschiedliche kulturelle Wertvorstellungen berücksichtigt.
Also ich halte durch die Erfahrungen der letzten Jahre respektive Jahrzehnte eine Führungsrolle der USA, wie sie in dieser These angedeutet wird, nicht mehr für ratsam. Denn wie in hier verschiedenen Zusammenhängen bereits mehrmals angeführt, haben die USA eine wesentliche Verantwortung bei vielen regionalen und globalen Krise mit denen sich die Welt in den ersten zwei Jahrzehnten des 21. Jahrhunderten beschäftigten musste und weiterhin muss.
Weiterhin müssen viele Menschen, die versuchen sich durch die aktuellen Krisen hinter Mauern, Stacheldrähten, rechter Politik, Sanktionen und anderen Abkapselungen auf ihre Kultur zu "besinnen" (obwohl sich eine Kultur nie [allein] dadurch definieren sollte, was sie nicht ist, sondern dadurch, was sie ist) endlich merken, dass die westliche Kultur nicht die Krone der Schöpfung ist, sondern eine Kultur von vielen. Und der erhobene Zeigefinger bei Menschenrechten, Rechte der Frauen, Religionsfreiheit, usw. sollte vorsichtig hoch gehalten werden, denn auch Europa benötigte zunächst die Aufklärung, um dort stehen zu können, wo es heute steht. Und ganz nebenbei gab es dennoch im letzten Jahrhundert zwei Weltkriege, die in Europa begannen und vor allem dort ausgetragen wurden.
Ja, wir müssen unsere Kultur erneuern und uns vor Herausforderungen schützen...oder nein: Vielleicht sollten wir sie ANNEHMEN.
Damit meine ich nicht unsere Werte unter den Teppich zu kehren, sondern sie selbstbewusst zu betonen und durchzusetzen, selbst bei Menschen, die diese Werte ablehnen; damit sind alle Rechte UND Pflichten gemeint.
Der letzte Satz Huntingtons bei seinen fünf Thesen ist meiner Meinung nach der beste, den ich auf knapp 530 Seiten gelesen habe:
Ein weltweiter Kampf der Kulturen kann nur vermieden werden, wenn die Mächtigen dieser Welt eine globale Politk akzeptieren und aufrechterhalten, die unterschiedliche kulturelle Wertvorstellungen berücksichtigt.
Dienstag, 27. September 2016
Ludwig Feuerbach "Das Wesen des Christentum"
Endlich ist sie da:
Die Analyse von Ludwig Feuerbachs "Das Wesen des Christentum"
Entschuldigt bitte, dass ich solange gebraucht habe, viel Freude und Nachdenken damit ;)
Die Analyse von Ludwig Feuerbachs "Das Wesen des Christentum"
Entschuldigt bitte, dass ich solange gebraucht habe, viel Freude und Nachdenken damit ;)
Analyse
Ludwig Feuerbachs „Das Wesen des Christentum“
Dritte
Auflage, Wiegand 1849
Veröffentlicht
durch den Anaconda Verlag, Köln, 2014
1
Zum Autoren
2
Seine Hauptthesen
3
Struktur
4
Einordnung und Gegenargumentation
1
Zum Autoren
Ludwig
Feuerbach (1804-1872) war ein berühmter und auf viele andere Autoren
einflussreicher Philosoph, Autor und Religionskritiker des 19. Jahrhunderts.
Bekannt geworden ist er vor allem durch sein Werk „Das Wesen des Christentum“.
Bekannt geworden ist er vor allem durch sein Werk „Das Wesen des Christentum“.
Er
führt darin aus, welche innere Kritik man dem Christentum und seiner
Glaubenssubstanz sowie seinen Ausprägungen machen muss (aus seiner Sicht).
Durch
die Ideen des sogenannten „Vormärz“ beflügelt, machte er sich Anfang der 1840er
Jahre konkret daran, seine Religionskritik zu entwickeln.
Grundgedanken
hierzu kann man aber bereits Anfang der 1830er Jahre erkennen.
Er
stand philosophiegeschichtlich in der Linie der Aufklärung, allerdings war
seine Religionskritik nicht institutionell (z.B. Kirche) und/oder personenorientiert (eigene
Unmündigkeit, Immanuel Kant), sondern vielmehr auf den inneren Sinngehalt der
Religion und die Psychologie des Menschen konzentriert.
In
diesem Zusammenhang ist es wohl ganz interessant, dass seine Arbeit einigen Einfluss
auf Dr. Sigmund Freud hatte.
2
Seine Hauptthesen
Für
Ludwig Feuerbach ist das was allgemeinhin als „Theologie“ bezeichnet wird
eigentlich „Anthropologie“. Er begründet dies damit, dass der Mensch, wenn er
versucht mit Gott Kontakt aufzunehmen, eigentlich zu sich selbst, zu seinen
inneren Wünschen, Hoffnungen, Freuden, Fehlern, Begrenztheiten, usw. Kontakt
aufnimmt.
Diese
Hauptthese ist vielen unter dem Begriff „Projektionshypothese“ bekannt. Damit
ist (nach Feuerbach) gemeint, dass der Mensch die angesprochenen Aspekte auf
ein höheres Wesen „projiziert“, das aber letztlich er selbst ist.
Feuerbach
bewertet dies negativ.
Er
sieht darin eine Kompensation des Menschen aufgrund seiner (biologischen und
evolutionären) Grenzen. [Feuerbach bringt seine Schrift in einer Zeit heraus,
in der die (Natur-)Wissenschaften einen großen Sprung nach vorne machen und
viele ehemalige Geheimnisse der Welt erklären]
Für
ihn braucht es keinen Gott, der Verstand des Menschen reiche völlig aus.
Ein
Aspekt, der Feuerbach besonders beschäftigt, ist der Aspekt der Moral.
Seine
Gotteskritik bezieht sich vor allem auf Gott als moralisches Wesen, das durch
die vorgegebene Moral den Menschen abhängig von Gott mache.
Legt
man aber die Prämisse Feuerbachs zu Grunde, dass Gott eigentlich ein vom
Menschen erschaffenes Wesen ist, so könne man daraus auch schlussfolgern, dass
das, was vom Menschen als „Gott“ bezeichnet wird, vom Menschen abhängig sei und
nicht umgekehrt.
Somit ist auch jede göttliche Moral eigentlich eine menschliche Moral und kann vom Menschen dementsprechend auch verändert und ihm nicht aufgezwungen werden.
Somit ist auch jede göttliche Moral eigentlich eine menschliche Moral und kann vom Menschen dementsprechend auch verändert und ihm nicht aufgezwungen werden.
Feuerbach
fasst es selbst folgendermaßen zusammen:
„Das
Wissen des Menschen von Gott ist das Wissen des Menschen von sich, von seinem
eigenen Wesen“ (S. 406).
3
Struktur
Grundsätzlich
teilt sich Feuerbachs Schrift in zwei Teile:
„Das
wahre, d.i. anthropologische Wesen der Religion“ und „Das unwahre, d.i.
theologische Wesen der Religion“.
Er
nimmt also prinzipiell eine positive und negative Definition vor, sagt was
Religion sei und was sie nicht sei.
Neben
seinen Grundgedanken zum Wesen des Menschen und der Religion im Allgemeinen „frühstückt“
er die theologischen Hauptmotive des Christentums ab (Dreieinigkeit,
Auferstehung, Eschatologie, etc.).
Er
spricht in seinen Unterkapiteln von „Geheimnissen“ (beim ersten Teil) und von „Widersprüchen“
(beim zweiten Teil).
Er
zieht zwar immer wieder kirchengeschichtliche Aspekte mit hinein, bleibt aber
alles in allem auf einer dogmatischen Ebene.
4
Einordnung und Gegenargumentation
Ludwig
Feuerbach sieht den Menschen auf „Platz Eins“.
Da
Gott ein vom Menschen erdachtes bzw. „projiziertes“ Wesen ist, ist der Mensch
der Urheber und letzte Entscheider.
Eine
erste Problematik, die ich hier sehe (ohne direkt den Gottesbezug
hinzuzunehmen) ist die, dass es für Feuerbach scheinbar nichts außerhalb der
menschlichen Existenz gibt [in diesem Kontext nicht naturwissenschaftlich
gemeint, sondern philosophisch, spezifischer: metaphysisch].
Darüber
hinaus ist es so, sowohl in einem metaphysischen als auch weitestgehend
naturwissenschaftlichen Sinne, dass der Mensch seine eigene Existenz nicht aus
sich selbst heraus erschaffen kann. In der Theologie bezeichnet man dies als unverfügbare Sinnbedingungen menschlicher
Existenz.
Allein
das sollte zumindest Zweifel an der Prämisse Feuerbachs aufkommen lassen.
In
diesem Kontext zeigt sich, dass Feuerbach bei seinen einbezogenen Parametern
auch fast gänzlich in Raum und Zeit denkt. Diese Informationen hatte Feuerbach
im 19. Jahrhundert zwar noch nicht, aber selbst die moderne Physik geht
heutzutage ganz selbstverständlich davon aus, dass es Existenz(en) außerhalb
der unser aller bestimmenden Parametern Raum und Zeit gibt und diese eine
enorme Wirkung auf Existenz(en), die auf Raum und Zeit basieren, haben kann
(Beispiel schwarze Löcher).
Nun
soll auf die konkrete Kritik Feuerbachs am biblischen Gott eingegangen werden.
Ludwig Feuerbach soll an dieser Stelle zunächst einmal das Lob zukommen, dass er durchaus gute Kenntnisse vom biblischen Gott hatte. An verschiedenen Stellen stützt er seine Argumentation mit entsprechenden biblischen Stellen.
Ludwig Feuerbach soll an dieser Stelle zunächst einmal das Lob zukommen, dass er durchaus gute Kenntnisse vom biblischen Gott hatte. An verschiedenen Stellen stützt er seine Argumentation mit entsprechenden biblischen Stellen.
Auf
den zweiten und genaueren Blick zeigt sich aber, dass Feuerbach von einem ziemlich
karikierten und schemenhaften Bild des biblischen Gottes ausgeht.
Unausgesprochen
steht bei ihm ein biblisches Gottesbild zugrunde, dass Gott als „komplett
definiert“ und „durchschaut“ aufzeigt.
Aus
seiner Bibelstudie hat er offensichtlich ein klares Gottesbild erhalten.
Daran
ist zunächst einmal auch nichts auszusetzen, denn durch die Bibel wird ja
schließlich auch ein bestimmtes Gottesbild vermittelt, das zu einem
christlich-jüdischen Gottesbild geführt hat.
Allerdings
kommt bei Feuerbach der biblische Gedanke zu kurz, dass Gott auch immer ein
bisschen der andere bleibt. Gott zeigt sich zwar in der Geschichte (zuerst dem
jüdischen Volk und dann in und durch Jesus Christus), kann aber beileibe nicht
als „komplett definiert“ bezeichnet werden.
Er
bleibt immer auch irgendwo ein Geheimnis, das mit rein menschlichen Attributen
nicht zu fassen ist.
Damit
entzieht er sich dem Menschen aber nicht, sondern es gehört vielmehr ganz
selbstverständlich zu dem Wesen Gottes, mit dem er an die Menschen herantritt.
Bei
Feuerbachs Kritik, dass der Mensch in Gott auch und vor allem seine eigenen
Fehler und Begrenztheiten projiziert, klammert Feuerbach meiner Meinung nach
das pointierte „Schöpfer-Geschöpf-Verhältnis“ aus, so wie es in der Bibel
angelegt ist.
Er
bleibt auf einer für mich zu reinen psychologischen Ebene und grenzt dieses
theologische Motiv als solches zu sehr aus.
Eine
weitere Problematik, die vielleicht auch dem Umstand geschuldet ist, dass die
Bibel im 19. Jahrhundert noch zu wörtlich und direkt genommen wurde, ist die
des wörtlichen Verstehens der biblischen Symbolsprache.
Aus
einer vielleicht metaphorisch bzw. bildlich-symbolisch gemeinten Bibelstelle
heraus beginnt Feuerbach häufig seine Argumentation.
Allerdings
sei an dieser Stelle betont, dass ich ebenfalls ohne moderne
Bibelwissenschaften vielleicht ähnliche Probleme mit der stark symbolischen
Sprache der Bibel zu kämpfen hätte.
Wie
einseitig Feuerbachs zuweilen ist, (nicht gänzlich als Kritik an Feuerbach
gemeint, sondern auch einfach logisch, weil er ja in eine bestimmte Richtung
argumentiert und lenken will) möchte ich an ein paar Beispielen deutlich
machen:
Zum
Ende seines sechszehnten Kapitels geht er u.a. auf die Wunder Jesu ein und wie
der Mensch dadurch eigentlich nur die gewünschte Allmacht in einen besonderen
gottesnahen Menschen wie Jesus projiziert.
An
dieser Stelle sei aber nun festgehalten, dass Jesus in den Evangelien nicht nur
der starke Wundermacher und Heiler ist und pausenlos mit der Allmacht Gottes
rumwerkelt, sondern Jesus erscheint, nicht nur, aber vor allem am Kreuz, als
ein ohnmächtiger Mensch. In diesem Punkt sind die biblischen Zeugnisse des
Lebens und der Kreuzigung Christi (nach moderner Bibelwissenschaft) nah an der
historischen Wirklichkeit.
Im
neunzehnten Kapitel erläutert Feuerbach, dass Gott eins mit den Interessen des
Menschen sei und „Gott ist die meinen Wünschen und Gefühlen entsprechende
Existenz: er ist der Gerechte, der Gütige, der meine Wünsche erfüllt“ (S. 315).
Der biblische Gott wiederrum erfüllt aber sehr oft nicht die Wünsche des Menschen. Es zeigt sich nicht einfach eine Formel á la „gottgefälliges Leben = erfüllte Wünsche“, sondern oft bleibt der Mensch verständnislos zurück und kann sich die Abkehr Gottes von ihm nicht erklären (auch bekannt als Theodizee-Problem).
Stark pointiert kommt dies natürlich im Buch Hiob zum Tragen.
Der biblische Gott wiederrum erfüllt aber sehr oft nicht die Wünsche des Menschen. Es zeigt sich nicht einfach eine Formel á la „gottgefälliges Leben = erfüllte Wünsche“, sondern oft bleibt der Mensch verständnislos zurück und kann sich die Abkehr Gottes von ihm nicht erklären (auch bekannt als Theodizee-Problem).
Stark pointiert kommt dies natürlich im Buch Hiob zum Tragen.
Im
siebenundzwanzigsten Kapitel behauptet Feuerbach: „Gott hat sich für den
Menschen geopfert, dafür muss sich jetzt wieder der Mensch Gott opfern […] Je
mehr etwas dem Menschen, der Natur widerspricht, je größer die Selbstverleugnung,
desto größer auch die Tugend.“ (S. 454)
An
dieser Stelle kann ich wohl mit klarer Stimme sagen, dass in der modernen
Theologie dies kaum ein Theologe noch unterschreiben würde.
Wenn
nämlich eine quasi Verpflichtung zur „Selbstopferung“ bestünde, so wäre die
Freiheit und die Verantwortung des Menschen stark beschnitten. Denn nur aus
Freiheit und Verantwortung entsteht bewusstes Handeln, zu dem jeder Christ
aufgerufen ist.
Feuerbachs
Hauptkritik zielt ja letztlich darauf ab, dass der Mensch sich von einem (nach
seiner Ansicht erdachten) göttlichen Wesen abhängig mache. Seiner Ansicht nach
ist aber das göttliche Wesen vom Menschen abhängig, weil es ja (aufgrund von
vor allem psychologischen und philosophischen Gründen) vom Menschen erdacht
ist.
Aus meiner Sicht, der eines Theologiestudenten und gläubigen Katholiken, ist das Wort „abhängig“ falsch gewählt.
Aus meiner Sicht, der eines Theologiestudenten und gläubigen Katholiken, ist das Wort „abhängig“ falsch gewählt.
Weder
der Mensch noch Gott ist voneinander abhängig (weder existenziell noch in ihrem
Wesen), sondern sie sind einander ZUGEHÖRIG.
Und
dieses Wort beinhaltet das, was jedem menschlichen Wesen zu Eigen ist: Freiheit
und Verantwortung und somit bewusstes Handeln.
Freitag, 16. September 2016
Eine kurze Meinung zu "Spotlight"
im Moment bin ich dabei, Ludwig Feuerbachs "Wesen des Christentum" zu bearbeiten. Da sich der gute Herr Feuerbach nicht unbedingt ganz kurz gehalten hat in seinen Ausführungen (da soll nochmal einer sagen, unsereins hätte zu viel Zeit), dauert es noch ein Weilchen, bis die nächste ausfühlichere Analyse im Blog steht.
Um die Wartezeit ein wenig zu überbrücken und damit es für euch (und vor allem für mich selbst) nicht zu hart wird, möchte ich euch in diesem Beitrag so etwas wie eine kleine Rezension bzw. eine Meinung über den Film "Spotlight" geben.
Die Geschehnisse des Films von Tom McCarthy mit Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams und Liev Schreiber in den Hauptrollen spielen sich Ende 2001/Anfang 2002 ab.
Der Film bekam 2016 zwei Oscars, unter anderem für den besten Film.
Er behandelt die Arbeit eines Journalisten-Investigativteams (ein Spotlight-Team) des Boston Globe, einer großen Tagezeitung aus Bosten, Massachusetts, rund um die Aufdeckung des Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Bosten und den USA.
Angefangen mit dem mehrfachen Missbrauch des Ex-Priesters John Geoghan deckt das Team auf, dass es sich nicht nur um Einzeltaten, sondern jahrzehntelangen Missbrauch durch annähernd 90 Priester im Großraum Bosten handelte, die nicht aus dem Verkehr gezogen, sondern lediglich von Gemeinde zu Gemeinde versetzt wurden durch den damaligen Erzbischof vom Erzbistum Boston Kardinal Bernhard Law.
An dieser Stelle zunächst ein Kommentar zur Art und Weise des Films und seiner Dramaturgie: Im Zentrum steht die Arbeit der Journalisten. Man ist in der detaillierten Arbeit regelrecht "drin" und sieht wie nach und nach ein "Puzzleteil" nach dem anderen zusammengefügt wird. Das Journalistenteam wird damit mehr zu einer "Polizeieinheit", die ein Verbrechen aufgeklärt, denn zu einem klassischen Journalistenteam.
Mein Gefühl war, dass es keinen wirklichen "Höhepunkt" im Film gibt, sondern dass der Film sich von Minuten zu Minute, von Puzzleteil zu Puzzleteil langsam nach oben klettert. Die Schauspieler wirken absolut authentisch und es zeigt sich, dass dieser Spotlight kein herkömmlicher für sie ist (vor allem wird dies bei Rachel McAdams deutlich, deren Großmutter im Film selbst drei Mal die Woche in die Kirche geht).
Im Zentrum stehen die, für mich, z.T. sehr mitreißenden Dialoge, die auch hauptverantwortlich sind für die Spannung.
Eine nette Kleinigkeit am Rand sinde sicherlich die dicken Computer und für uns im Jahr 2016 sicherlich recht "primitiven" Druckerpressen und Mobiltelefone.
Zum Inhalt:
Die Enthüllung des Missbrauchsskandals der katholischen Kirche in Bosten war die erste größere Enthüllung des Missbrauchs von katholischen Geistlichen und/oder Kirchenmitarbeitern weltweit.
Zwar kam in den 1990er Jahren bereits der Missbrauch in der katholischen Kirche in Irland heraus, in diesem Falle war aber zum ersten Male die Systematik im Zentrum der Betrachtung
In Deutschland ist in diesem Zusammenhang sicherlich noch das Jahr 2010 im Gedächnis, als die Missbräuche in Deutschland durch die Enthüllungen des Jesuiten-Paters und Leiter des Canisius-Kollegs Klaus Mertens in Berlin öffentlich wurden.
Was den Filmemachern absolut zu Gute zu halten ist, ist eine Differenzierung bei der Verantwortung. Zum einen werden die Täter echt und hautnah gezeigt. Die Priester, die die Verbrechen begannen haben, bekommen Namen und Gesichter. Ich denke, dass dies enorm wichtig ist, ansonsten wäre die Materie sehr abstrakt geblieben.
Zum anderen werden die Instution und das "System" in den Fokus gerückt. Die Taten per sé sind die eine Hälfte dieser unglaublich hässlichen Medallie. Die andere Hälfte besteht aus der systematischen Verschleierung, hier namentlich durch Kardinal Bernhard Law. Bezeichnend (und gleichzeitig bedrückend) ist es in diesem Kontext wahrscheinlich, dass die Versetzung von auffällig gewordenen Priestern in den Büchern beispielsweise als "krankheitsbedingt" bezeichnet wird.
Aber auch die Bostoner Gesellschaft selbst trägt eine Mitverantwortung. Der mehrfache und über Jahrzehnte gehende Missbrauch an Kindern in der Bostoner katholischen Kirche war (so suggeriert es der Film) war offensichtlich annähernd ein offenes Geheimnis für die Polizei, die Politik, administrative Verwaltungsinstitutionen, usw.
Selbst die Journalisten des Boston Globe selbst werden in die Verantwortung genommen, da sie jahrelang entsprechende Informationen lediglich als kleine Berichte, die nicht weiter verfolgt wurden, verarbeitet hatten.
Und das ist auch durchaus wichtig, um den Missbrauch sachlich einordnen zu können: Wir haben es in den 1970er und 1980er Jahren (in dieser Zeit gab es die meisten Übergriffe, ab den 1990er Jahren sind die Zahlen stark rückläufig) mit einer noch nicht so stark individualisierten und unabhängigen Gesellschaft zu tun haben. Politik, Kirche, Administration, Kultur, und Gesellschaft sind so stark miteinander verworren, dass die Täter nicht nur aus der katholischen Kirche per sé stammen, sondern fast schon aus der Gesellschaft selbst.
Gerade in einer Stadt wie Boston, deren Bevölkerung überwiegend (irisch-)katholisch [über 50%] ist, und in der alles so stark zusammenhängt.
Dennoch bleibt selbstverständlich die Institution römisch-katholische Kirche im Zentrum der Betrachtung.
(Meine persönliche) Einordnung:
Nach dem Bekanntwerden des Ausmasses des Missbrauchs musste Kardinal Bernhard Law zurücktreten und wurde nach Rom als Erzpriester einer Kirche versetzt (dass er, dem man definitiv nachweisen konnte, dass er jahrzehntelang auffällig gewordene Priester einfach nur versetzt hatte, trotz allem noch die recht hohe Position eines Erzpristers einer wichtigen römischen Kirche anvertraut hatte, kann man dieser Stelle natürlich kritisieren).
Es folgten einige große Studien über den Missbrauch, allen voran die John-Jay-Studie. Diese Studie und eine noch laufende Studie zu dem sexuellen Missbrauch in Deutschland würde ich gerne als Grundlage meiner Gedanken nehmen.
Es zeigt sich nämlich vor allem eines: Der Missbrauch in der katholischen Kirche unterscheidet sich nicht (nimmt man die Statistiken) von dem Missbrauch außerhalb der katholischen Kirche.
Einige Zahlen:
Es sind zwischen 4-7 % der Priester in den USA übergrffig geworden. Die meisten sexuellen Handlungen beinhalteten die Ausübung eines Machtfaktors und es handelte sich in ca. 96% nicht um Sex im juristischen Sinne.
Der aktuelle Zwischenstand zur Studie in Deutschland zeigt zudem auf, dass ca. ein Drittel der Täter eine emotionale und/oder sexuelle Unreife haben.
Diese "Hot Spots"sollten reichen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Jetzt stehen natürlich die Fragen im Raum: Wie kann man dies verhindern und wie sollte/muss gegen Täter vorgegangen werden?
Ausblick:
Der erste Aspekt, der in diesem Zusammenhang meistens diskutiert wird (vor allem bei Diskussionen auf "Stammtisch-Niveau"), ist der Zölibat, der für Priester der römisch-katholischen Kirche verpflichtend zur Ausübung des Priesteramtes ist.
Es soll direkt vornherein festgehalten werden: Es gibt definitiv KEINEN direkten Zusammenhang zwischen Pflichtzölibat und Missbrauch. Es haben sich Wissenschaftler aus den verschiedensten Bereichen mit dem Missbrauch beschäftigt (Kriminologen, Biologen, Theologen, Psychologen, etc.) und es ist eindeutig: Nur, weil ein Mann ehelos und enthaltsam lebt, hat er weder einen "starken Druck" (an dieser Stelle möchte ich gerne den Stammtisch-Jargon benutzen, um ganz deutlich zu werden), noch "furchtbare Phantasien" und ist stärker gefährdet als in einer Ehe lebende Männer bzw. Männer, die regelmäßig ihre Sexualität ausleben.
Im Gegenteil. Und an dieser Stelle erneut eine Statistik: Es ist 36-mal wahrscheinlicher Opfer eines Nicht-Priesters zu werden als eines Priesters.
Der Mensch ist schließlich kein einfälltiges Wesen, das nur von seinem Instinkt gesteuert wird und das "durchdreht", wenn es seine Sexualität nicht auslebt.
Dazu empfehle ich, sich näher mit der Thematik der sogenannten "Sublimierung" (nach dem Vater der Psychoanalyse Dr. Sigmund Freud, der selbst im Allgemeinen ein Religionskritiker war) zu beschäftigen, die aufzeigt (in einfachen und groben Worten), dass jeder Mensch selbstverständlich ein "sexuelles Potential" besitzt und es Mechanismen gibt, die einen Menschen eigentlich dahin führen, dieses sexuelle Potential auch zu nutzen und auszuleben. Da der Mensch (rein kognitiv schon) aber in der Lage ist, nicht jeder pysischen Präposition nachzugeben, ist er auch in der Lage, die sexuelle Energie zu kanalisieren oder (um es mit den Worten Freuds zu sagen) zu sublimieren.
Auch das Argument, dass ein enthaltsam lebender Mensch automatisch eher missbrauchsauffällig werde als ein nicht enthaltsam lebender Mensch schon einem der "gesunde Menschenverstand" sage, ist hinfällig. Das, was allgemeinhin als "gesunder Menschenverstand" bezeichnet wird, ist sehr stark kontext-, kultur-, und gesellschaftsabhängig. Hier sei nur kurz darauf verwiesen, dass die Eugenetik im 20. Jahrhundert ebenfalls u.a. mit dem "gesunden Menschenverstand" begründet wurde (Eugentik = die Ansicht, dass Menschen aus bestimmten Ethnien weniger gute Gene haben als aus anderen Ethnien und Gebieten; war in der gesamten westlichen Welt mehr oder weniger Konsens - erreichte den Höhepunkt Ende der 1930er Jahre durch beispielsweise die Nürnberger Rassengesetze des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland).
Obgleich ich mich eher als Befürworter des Pflichtzölibats sehe, ist er natürlich diskutabel. Auch und vor allem theologisch, da er beispielsweise kein Dogma, also feststehender Glaubensgrundsatz, ist.
Der Ansatz sollte eher in der Priesterausbildung gesucht werden. Wir haben es nach dem zweiten Weltkrieg in der westlichen Welt mit einer immer stärker säkularisierten Welt zu tun, in der es für jemanden, der sein ganzes Leben ausschließlich nach dem Glauben ausrichtet, immer schwieriger wird, Profil zu zeigen. Das ist bei den "Laien" so (hier als kirchenrechtlicher Begriff benutzt) und erst recht bei Priestern.
Gerade Gemeindepriester mit immer größeren Gemeinden laufen der Gefahr, zu vereinsamen. Die Unterstützung hier muss größer werden.
Dies hat auch die John-Jay Studie gezeigt, nach die Zahl der auffällig gewordenen Gemeindepriester fast doppelt so hoch war wie die der Ordenspriester.
Zudem muss eines in vielen katholischen Kreisen noch anerkannt werden:
Zur katholischen Kirche (neben der römisch-katholischen Kirche zählen dazu auch die sogenannten mit Rom unierten Kirchen östllichen Ritus) gehören weltweit 1,2 Milliarden Menschen. Damit ist jeder siebte-achte Mensch auf dem Planeten katholisch. Es gibt knapp 1,3 Millionen Männer und Frauen geweihten Lebens, davon ca. 800.000-900.000 Welt- und Ordenspriester.
Die katholische Kirche ist in beinahe jedem Staat der Erde vertreten. Wer glaubt, es gäbe nur "die Guten" dabei oder alles ist "heilig" in der Kirche, der glaubt auch, dass Schweine fliegen können (ich bitte um Verzeihung für diese Polemik, aber ich konnte nicht anders).
Es gibt genauso "Sünder" in der katholischen Kirche wie außerhalb davon. Und dessen ist sich die Kirche auch bewusst. Vom Zweiten Vatikanischen Konzil über das Mea Culpa durch Papst Johannes Paul II im Jahr 2000 bis hin zu Papst Franziskus, der den Missbrauch (überwätigend zutreffend wie ich finde) als "satanische Messe" bezeichnet hat.
Eines ist nur wichtig für die katholische Kirche und alle die sich ihr zugehörig fühlen, und dazu zähle ich nicht zuletzt mich selbst auch: Das MUSS so klar gesagt werden. Und bei Missbrauch darf es keine Toleranz geben.
Das Christentum ist wahrscheinlich die leib-freundlichste Religion. Unser Gott ist selbst Mensch in einem Leib geworden. Bei Missbrauch ist das Verhältnis zum Leib für immer zerstört.
So wie Jesus bei den Geldwechslern im Tempel eine Null-Toleranz-Haltung gehabt hatte, muss es auch bei Missbrauch eine Null-Toleranz-Haltung geben.
Dass Jesus mit seiner Kirche, also seiner Gemeinschaft, durchaus ein schwieriges Verhältnis hat, zeigt sich vielleicht auch dadurch, dass der, dem er "die Schlüssel des Himmelreich" gab, nämlich Petrus, ihn drei mal verleugnete. Ein weiterer aus der Mitte seiner Gemeinschaft (Judas) verriet ihn und als Jesus gekreuzigt wurde, waren die Jünger erst mal von Angst und Entäuschung gezeichnet.
Doch genauso wie die Liebe eines Menschen zu einerm anderen Menschen nicht nur aus Eitel-Sonnenschein besteht, besteht auch die Liebe Gottes zu den Menschen nicht nur aus Eitel-Sonnenschein.
Wichtig aus christlicher und kirchlicher Sicht ist nur, dass man nie das vergisst, was immer wieder betont und in den Vordergrund gestellt werden muss: Das Evangelium, die frohe Botschaft.
Dass dies zuweilen nicht immer von Erfolg gekrönt ist, macht den Versuch nicht gleich sinnlos, sondern im Gegenteil: Es ist immer wieder eine spannende und aufregende Aufgabe
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